Nun sitze ich also hier, auf der Hundehütte von Gea, in einer Landschaft, wie sie sich Jack London nicht besser hätte ausdenken können: Ein klarer Sternenhimmel über mir, um mich herum meine vielen vierbeinigen Freunde, ein leises Rauschen des Windes in den verschneiten Baumwipfeln und im Hintergrund die gemütliche Hütte von Andi, deren Fenster ein warmes Licht über den Kennel werfen. Während Gea immer noch auf dem Rücken liegt und darauf wartete, dass ich sie weiterhin am Bauch kraule, höre ich von meiner Leithündin Lisa ein leises Wimmern, da ihre Kette nicht lang genug ist, um mich mit ihrer feuchten Schnauze anstupsen zu können und mir auf diese Weise mitzuteilen, dass sie ganz gut noch einige zusätzliche Streicheleinheiten vertragen könnte.
Wenige Tage vor meinem Abflug hatte ich zu Hause nachts in meinem Bett wachgelegen,
weil ich auf einmal Angst bekommen hatte, vor dem (scheinbaren) Abenteuer, auf
das ich mich da einlassen würde. Ob es daran lag, dass ich keine Woche vor
dem Abflug von einer starken Grippe heimgesucht worden war, die ich gerade noch
hatte auskurieren können, ob es die im Internet gemeldeten Temperaturen von
unter minus 40°C waren oder an was es sonst lag - ich weiß es bis heute
nicht. Jedenfalls hätte ich zu diesem Zeitpunkt meine Reiseunterlagen an
jeden abgetreten, der mich entsprechend entschädigt hätte.
Ich erlebe nochmals jenen Augenblick, als ich nach gründlicher Einweisung
durch Andi das erste Mal auf dem Schlitten stand. Vor mir "meine" Hunde,
die ich mir selbst ausgesucht und mit Andis Hilfe angeschirrt hatte. Und plötzlich
bin ich wieder mitten drin:
Wie in einem Film erlebe ich nochmals die Zweitagestour zum "Fishcamp",
bei der wir nach einer steilen, schönen Abfahrt auf dem Tanana-River einen
unbeschreiblichen, fast kitschigen Sonnenuntergang über dem Flusstal verfolgen
können. Das Ziel, eine kleine, urige "Cabin" direkt am Fluss,
bietet
uns Unterschlupf für die Nacht und eine Möglichkeit, unseren mitgebrachten
Dosen-Eintopf zu erwärmen. Der kleine gußeiserne Holzofen wärmt
die Hütte erstaunlich schnell auf und bald schon haben wir es so richtig
mollig warm - so warm, dass ich mich nachts auf den Schlafsack legten
muss.
Überhaupt war diese Nacht einer der Höhepunkte: Ein grandioser Sternenhimmel
mit seinen abertausenden von Lichtpunkten, ein Vollmond, der die schneeweiße
Landschaft silbrig hell erstrahlen lässt und das einmalige Schauspiel der
vielen bunten und zuckenden Nordlichter, dass wir bei fast minus 40°C nur
mit
unserer Funktionsunterwäsche und Socken bekleidet im Freien beobachten können,
ohne dass es uns im Geringsten kalt geworden wäre. Am nächsten Morgen
erwartet uns eine zu allen Taten der Welt aufgelegte Hundeschar, deren Fell
durch
die Kälte der Nacht mit glitzernden Eiskristallen überzogen ist. Nachdem
wir diese mit Wasser und Futter versorgt haben, beginnt das nächste Abenteuer:
Das Anschirren der drei Gespanne direkt auf dem Eis des Tanana-River, wo weder
die Schneeanker noch die Bremsen Griff finden. Ich muss daran denken, welcher
Anstrengungen und Tricks es bedurfte, um den unbändigen Tatendrang der Hunde
einigermaßen zu bremsen und sie vom ungeregelten Loslaufen abzuhalten.
Allerdings
war es aber gerade jene glatte Oberfläche, die es unseren Hunden erlaubte,
die Schlitten in geradezu atemberaubenden Tempo den Flußlauf entlang zu
ziehen, kaum dass wir das "Hike-"Kommando gegeben hatten. Nur zu gut
erinnere ich mich, wie wir mit unseren Hunden, dick eingepackt mit Schal, Kapuze
und tief ins Gesicht gezogener Mütze (immerhin hatten wir noch um die minus
35°C), lautlos der strahlenden Sonne des anbrechenden Tages entgegenflogen.
Unvergeßlich das Gefühl, außer dem Fahrtwind um die Augenpartien
keinerlei Kälte zu spüren und weniger zu frösteln, als an manchem
regnerischen Winterabend zu Hause im zentralbeheizten Wohnzimmer vor dem Fernseher.
In meinen Ohren klingen auch die Geräusche des Kennels: Das ferne Horn der Alaska-Railroad, das Brüllen der Elche, das knistern des Holzofens, vor allem aber das Willkommensgebell der über 100 Kehlen, wenn wir uns mit dem Schlitten oder dem Auto dem Kennel näherten. Tief in meine Erinnerung eingebrannt hat sich auch das Bild der vielen funkelnden Augenpaare, die uns beobachteten, während wir am Abend im Schein der Kennelbeleuchtung das Futter vor der Hütte richteten und das fast flehentliche Heulen der Puppys bzw. ungestüme Zerren an den Ketten, wenn sie nach stundenlangem Kraulen weitere Streicheleinheiten einforderten.|
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(Diese Seite wurde erstellt am 12.11.1999, der letzte Update fand statt am 27.11.2001) |